Der Schriftsteller als homo politicus – ein Literaturquiz

Für die Dauer der Ausgangsbeschränkungen durch die Corona-Pandemie möchten wir Ihnen jeden Tag ein Zitat einer Schriftstellerin vorstellen, das sie als politischen Menschen ausweist – und Sie dürfen raten, von wem und aus welchem Werk dieses Zitat stammt. Die Auflösung wird am nächsten Tag bekannt gegeben – in der Hoffnung, Sie auf den Autor neugierig gemacht und zum Weiterlesen angeregt zu haben.

Hier geht es zu den Lösungen

7. Oktober 2020 – Gleichzeitig lässt die Aufgabe des Schriftstellers sich nicht von seinen schwierigen Pflichten trennen. Seiner Bestimmung gemäß kann er sich heute nicht im Dienste derer stelle, die Geschichte machen, er steht im Dienste derer, die sie erleiden. Andernfalls sieht er sich allein und seiner Kunst beraubt.

8. Juni 2020 – Denn es erstaunt sie, wie die anderen Menschen das jeden Tag aushalten, was sie sehen und mit ansehen müssen. Oder leiden die anderen nicht so sehr darunter, weil sie kein andres System haben, die Welt zu sehen?

7. Juni 2020 – Ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, in der ich viel darum gegeben hätte, nicht Deutsche sein zu müssen. Aber das ging uns doch allen so, sagte Lutz, der blonde Hamburger aus der Generation der Achtundsechziger, mit dem ich im Sekretariat zusammentraf. Er, der um so viel jünger war als ich – er kannte diese Scham, Deutscher zu sein? So wäre es eine Gemeinsamkeit der Ost- und Westdeutschen gewesen, dass sie nach dem Krieg keine Deutschen sein wollten.

6. Juni 2020 –
Viele verloren Gedächtnis und Sprache, so dringt es aus allen

Landen, in denen der Krieg schon seine Schauer entrollt.

Sind das nicht himmlische Zeichen? – Die Menschheit,

die diesen Krieg führt.

Ist des Gedächtnisses nicht, ist auch der Sprache nicht wert.

Menschliche Schwächen, nicht himmlische Zeichen sind’s.

Ihrem Gedächtnis Hat noch die Menschheit nie so Gewaltiges erkämpft.

Und die Sprache der Feldpostbriefe, klingt sie nicht golden

Gegen das donnernde Blech, das aus den Zeitungen dröhnt?

[…]

5. Juni 2020 –

Ich soll nicht morden

ich soll nicht verraten

Das weiß ich

Ich muß noch ein Drittes lernen:

Ich soll mich nicht gewöhnen

Denn wenn ich mich gewöhne

verrate ich die die sich nicht gewöhnen

[…]

4. Juni 2020 – Seltsam: sobald man anfängt zu schreiben, hat man das Bedürfnis zu lügen. Es überkommt einen. Das Bedürfnis, die Dinge vorteilhaft erscheinen zu lassen. Und sperrt man sich dagegen, gilt man als unmoralisch uns subversiv. Schon die Kinder in der Schule wissen das. Fordert man sie beispielsweise auf, einen Abend zu Hause zu beschreiben, präsentieren sie einem sogleich einen weißbärtigen Großvater, eine Schwester, die im Schein der Lampe stickt, und einen Vater, der nach getaner Arbeit Zeitung liest. Es ist unschuldig und rosig, es ist sanft, kuschelig, erbaulich und rührend. Und nicht einer kommt auf den Gedanken, von der Sauferei zu erzählen, den Ohrfeigen, dem Fraß, der Flasche mit Rum auf einem Stuhl, dem Lager, auf dem zu sechst geschlafen wird. Nicht einer erzählt davon, wie er frierend und ängstlich im Dunkeln hockt, wie er auf einer klebrigen Treppestufe sitzt und Geräusche durch die Tür hört, oder von den Huren, die einen Freier mitnehmen und ihn im Vorbeigehen fragen, was er hier so treibt. Sie haben die Spielregeln verstanden, die Kleinen. Intuitiv beteiligen sie sich an der universellen Verschwörung gegen die Wahrheit. An der guten, alten literarischen Heuchelei. Sie haben das große Geheimnis der Schriftstellerei sofort durchschaut…

3. Juni 2020 –

Denke daran, dass der Mensch des Menschen Feind ist

Und er sinnt auf Vernichtung.

Denke daran immer, denke daran jetzt,

[…]

Denke daran, daß nach den großen Zerstörungen

Jedermann beweisen wird, daß er unschuldig war.

[…]

Denke daran, daß du schuld bist an allem Entsetzlichen

Das sich fern von dir abspielt –

2. Juni 2020 – Die griechische Sage erzählt von einem König, Midas, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Daß es eine Berührung gibt, die alles, auch das Edelste, augenblicklich in Dreck verwandelt, das erleben wir heute: es ist der Nationalsozialismus, dem diese ekle Gabe zuteil wurde. Alle Gedanken der Zeit, geboren aus Geist- und Zukunftswilligkeit, aus dem Wunsche nach Vervollkommnung des gesellschaftlichen Lebens, alles Gute und Wohlgemeinte reißt er an sich, stiehlt es, verbiegt, verdreht, verdirbt und verschmutzt es, verleiht ihm widerliche Mißgestalt von Ekel und Hölle -, alles, was er anfaßt – und er faßt alles an, – wird unweigerlich in seinen Händen zu Kot und Unflat.

1. Juni 2020

[…]

Gib acht auf die Sichel ohne den Hammer!

Gib acht auf den Hammer ohne die Sichel!

Gib acht auf das Opfer wider Willen,

auf den Henker wider Wille,

auf den Gleichgültigen wider Willen!

[…]

31. Mai 2020 – „Du willst also nicht gegen die Okkupation deines Landes kämpfen?“ Sie wollte ihnen sagen, dass der Kommunismus, der Faschismus, alle Okkupationen und alle Invasionen nur ein grundsätzlicheres und allgemeineres Übel verbargen; dieses Übel hatte sich für sie zu einem Bild verdichtet: zum Umzug marschierender Menschen, die ihre Arme hoben und unisono dieselben Silben schrien. Aber sie wußte, daß sie es ihnen nicht erklären konnte.

30. Mai 2020

Die Erde trauert um Männer,

die Herrscherstatuen formten aus ihrem Lehm

und eigenhändig

die Schwerter schmiedeten,

mit denen man ihnen den Kopf abschlug,

als sie aufbegehrten.

[…]

29. Mai 2020

[…]

Ich sagte:

Marx, Engels, Bebel & Lucács

im Prinzip ausgezeichnet; schön im Regal

ein paar Bücher zu haben, die man lesen kann,

zumal an Regentagen,

aber hier geht es jetzt um die Geschichte,

nicht die Papiergeschichte, sondern die Rattenfleischgeschichte.

[…]

28. Mai 2020

Der den Tod auf Hiroshima warf

ging ins Kloster, läutete die Glocken.

Der den Tod auf Hiroshima warf

Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.

Der den Tod auf Hiroshima warf

Fiel in Wahnsinn, wehrte die Gespenster ab

Hunderfach, die ihn angehn nächtlich

Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.

[…]

27. Mai 2020

[…] julius caesar wußte nichts davon

demnächst werden kriege privatisiert

huren verstaatlicht

der frieden

ein lidschlag der geschichte

spricht gerne von den bäumen

denen er diente

in der jahreszeit der verblendung

die generäle gewöhnten sich rasch an unsere wahrheiten

der krieg braucht ruhige zeiten

zur vergoldung seiner handlung

und er schont seine brutstätten

und beschleunigt doch ihren gang

mit aseptischen schritten

nähern sich die banken jedem bürgerkrieg

26. Mai 2020 – Das System selbst ist gar nicht so wichtig. Das Problem bestand für mich in der Frage, ob ich handeln könnte. Und auf einmal hat sich etwas gelöst: ich kann.

25. Mai 2020

Sie alle waren einmal jung

das wollen wir nicht vergessen

die Alten

die auch ihre Ideale hatten

damals

gläubig in den Wäldern biwakierten

bei Smolensk

die Untermenschen reihenweise

mit ihrer Hitlersäge umlegten

dem unübertroffenen MG 42

da wurden sie in den russischen Wintern

so hart wie Kruppstahl

die Erfrorenen

und unsere Ritterkreuzträger

[…]

24. Mai 2020

[…]

Hier werden Gestalt

die Freundesgespenster,

die Ideen zerstreuen sich.

Das Gute, wir wollten das Gute:

die Welt ins Lot bringen.

Es fehlte uns nicht an geradem Sinn:

uns fehlte die Demut.

Was wir wollten, wollten wir nicht mit Unschuld.

[…]

23. Mai 2020 – Das Schreckliche an der Zwei-Minuten-Haß-Sendung war nicht, daß man gezwungen wurde, mitzumachen, sondern im Gegenteil, dass es unmöglich war, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Eine schreckliche Exstase der Angst und der Rachsucht, das Verlangen zu töten, zu foltern, Gesichter mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern, schien die ganze Versammlung wie ein elektrischer Strom zu durchfluten, so daß man gegen seinen Willen in einen grimassenschneidenden, schreienden Verrückten verwandelt wurde. Und doch war der Zorn, den man empfand, eine abstrakte, ziellose Regung, die wie der Schein einer Blendlaterne von einem Gegenstand auf den anderen gerichtet werden konnte.

22. Mai 2020 – Was ist das für ein Volk! Denken sie auch, oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde? (Dasselbe sagt Kafka.)

21. Mai 2020 – […] Damit haben sich uns auch traurige Wahrheiten offenbart: dass im Augenblick der Gefahr das Denken in abschließenden und ausgrenzenden Kategorien zurückkehrt, in den Kategorien von Völkern und Grenzen. […] Die Schließung der Staatsgrenzen halte ich für die größte Niederlage in diesen schlechten Zeiten; zurückgekehrt sind die alten Egoismen und die Kategorien “eigen” und “fremd”, jenes also, was wir in der Hoffnung bekämpft hatten, dass es nie wieder unser Denken formatieren würde. […]

20. Mai 2020

[…] Nehmen wir

Chemnitz’ Altbauten, den Leerstand, der seinen Ursprung in

denen, zu viel ‘von, nahm, die lauter und faszinierender das Leid,

nicht mehr verschwiegen, niemand könnte ihn besetzen, sein

Leiden unter der Windstille, Leiden trotz geköpfter Fassaden,

nichts atmet, und die Schönheit, vor allem die Schönheit von

siebenunddreißig Jahren, und alle Ideen sind wahr. […]

19. Mai 2020 – […] Das ist schon komisch, dass man nicht sagen kann, was man will. Es gibt viele Störungen. Auch Feigheit, Rücksicht. Also jetzt korrigiert man, schreibt neu usw. Das nächste Mal ist das Geschriebene schon näher dem, was man sagen will. Aber dass das so aus einem selbst kommt, wenn das die Erfahrung ist, warum kann man das nicht sagen, ohne es zu schreiben? Das Misstrauen, das ich gegen jeden empfinde, der etwas , was er anderen sagen will, zuerst aufschreibt: dieses Misstrauen vor allem gegen mich, den Schriftsteller.

18. Mai 2020 – Es war eine politische Entwicklung, die sich bei mir abgespielt hat, sehr, sehr langsam, alemannisch langsam, von einer kleinbürgerlichen apolitischen Haltung weg zum Aufklärerischen, zum Sozialismus hin. Und da stehe ich in diesem Land sowieso nicht auf der Seite jener, die das Wort führen, das ist wahr. Es ist schwer zu sagen, wie viel Schaden man erlitten hat durch die Situation, in der sich die Intellektuellen in der Schweiz befinden. Wenn es zu einer Kontroverse mit einer klaren, intellektuell kämpfenden Gegnerschaft käme, so wäre das natürlich stimulierend, denn in der Auseinandersetzung fällt mir immer etwas ein. Bei uns ist es aber so: Wenn jemand etwas sagt, das dem Establishment nicht gefällt, so herrscht Schweigen. Das ist es, was in diesem Land so viele einschüchtert. Man redet wie in Watte hinein. Da kann es einem auch passieren, was mir passiert ist: dass man zu schreien beginnt. Dass man nicht mehr normal redet, sondern brüllt.

17. Mai 2020

[…]

Und dann wieder die Salve im Morgengrauen

die aus den Zypressen die Sperlinge aufscheuchte;

die Lastwagen, vollgepfercht mit Widerstandskämpfern

auf dem Weg zum Hinrichtungsplatz – 

ihre Räder zerschnitten die Sonne in zwei Stücke

[…]

16. Mai 2020 – […] weil man doch alles weiß über eine Person, mit der man im Bett liegt, und wenn sich das nicht durch ein richtiges Nebeneinander ergänzt, dann wird das so absurd, dieses Wissen, dieses Wissensgefühl, weil es ja mehr die Haut ist, die das weiß, und eine gute Hure, die muss das ausbauen, die denkt dann mit der Haut und ihrem Busen und ihrer Fut und alles andere bleibt weg […]

15. Mai 2020

Nennen wir also Schuldlosigkeit

Nagelschuh

die Ratlosigkeit

Hotelzimmer

die Ausweglosigkeit

neun Uhr

die Unschlüssigkeit

eine stehende Rolltreppe

14. Mai 2020 – Ich habe mein Arbeitsleben als Rechtsanwältin begonnen und festgestellt, dass es für meine männlichen Kollegen und Gegner schwieriger war, mich herablassend zu behandeln, wenn sie meinen Vornamen nicht kannten.

13. Mai 2020 – Spätestens an dieser Stelle mussten die Leser doch misstrauisch werden, hoffte ich inständig, während ich das Layout umgestaltete, um den Text noch aktuell mitzunehmen. Wer würde ernsthaft an eine Verschwörung von Politikern und den vielfältigen Medien in Deutschland glauben?

12. Mai 2020 – Nun gingen allerlei phantastische Gerüchte über den Taubstummen um. Die Juden hielten ihn für einen Juden. Die Geschäftsleute von der Hauptstraße behaupteten, er hätte eine Erbschaft gemacht und wäre sehr reich. In einer Textilgewerkschaft raunte man sich ehrfürchtig zu, er wäre ein Beauftragter des Gewerkschaftsbundes.

11. Mai 2020

verlang nicht von mir dass ich von denen spreche die zerstören […] 

ich weiß nicht wie sich das anfühlt wenn ein Haus kollabiert und nichts bleibt als in/ den Trümmern weiter zu wohnen oder als/ Fremder von ferne blutleer die Heimat/ sich verzehren zu sehen verlang nicht von/ mir dass ich verstehe wie ich selbst durch/ die Trümmer gehe es fällt ihnen leicht die/ Wörter zu stürzen

10. Mai 2020

Er sagte komm

Lass mich dich ausbeuten;

Jemand muss es tun

Und würdest du nicht einem Bruder

den Vorzug geben?

[…]

9. Mai 2020 – Dieser Gedanke kann lächerlich wirken, aber die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist der Anstand.

8. Mai 2020 – […] Ich wollte dir zeigen, was wirklich Mut ist, statt dich in der Idee zu bestärken, dass ein Mann mit einem Gewehr in der Hand Mut bedeutet. Mut heißt: von vornherein wissen, dass man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich, um was es geht – aufnehmen und ihn durchstehen. Man gewinnt selten, aber zuweilen gelingt es doch. […]

7. Mai 2020

das Nichtwort

ausgespannt

zwischen

Wort und Wort.

6. Mai 2020 – Selbst beim besten Willen läßt sich nicht mehr übersehen, daß das Leben schön geworden ist. Ganz besonders schön aber scheint es in weiten Teilen Deutschlands geworden zu sein. Hier hat es sich – über Stock und Stein und unzählige Leichen und durch die hartnäckig aufrechterhaltene und neuerdings sogar auftrumpfend vorgezeigte Unfähigkeit zu trauern hindurch – zu einer von allem anderen getrennten Größe, zum Leben an sich, gemausert. Einer freischwebenden Werteinheit, die sich als vollkommen unempfindlich erweist gegenüber allen Arten von Einflüssen, und die, solcherart erhaben und unantastbar, auch noch die größten hier oder anderswo oder überall stattfindenden Katastrophen ungerührt hinter sich läßt.

5. Mai 2020 – Die politische Idee des Industriegebiets, dessen Bodenbelag von weitem wie Teppich wirkt, wäre ganz Innenraum: Bar jeden Wetters, bar jeder Obdachlosigkeit: Wo es in allen Lagerhallen ebenso aussieht wie außerhalb. Dazu kommen Automobile, auf Teppichen ausgestellt, hoher Komfort für Geräte, die lediglich über geliehene Intelligenz verfügen. Gerät, dessen Bilder verbreitet werden wie Herrscherporträts.

4. Mai 2020

[…]

Setzt die Fahnen auf Halbmast

Erinnerung.

Auf Halbmast

für heute und immer.

[…]

3. Mai 2020

[…]

Schwarz wie Gewürm, kriechend in Staffeln

Unter dem Wolkengrund, kommen die Bomber:

Die schweren Engel, Verderben in ihren

Schößen, die kreißen, den Tod loszulassen

[…]

2. Mai 2020

Als die Regierung nach drei Jahren

seiner Frau die Einreise wieder gestattete

als er den Schlüssel hörte im Flur

nach 1000 Tagen Warten

[…]

als es auf den Ausweis sah,

den 150 Wochen verweigerten

jetzt auf dem Tisch seiner Wohnung,

verstand er zum ersten Mal.

1. Mai 2020

[…]

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,

daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,

sich gar nicht anders bewerkstelligen ließe,

als alle Beteiligten zu vergiften.

[…]

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.

Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.

Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte,

völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

30. April 2020 – Alles was ich dort, wo das System mir angst machte, nicht tat, hier fordere ich es ein, will das Experiment. Und fordere meine Freiheit ein.

Alles das, was ich im Osten nicht tat, vor dem mir das System angst machte, fordere ich hier ein, will das Experiment, fordere meine Feigheit ein.

Alles was ich im Osten nicht tat, vor dem mir das System angst machte, will ich hier, will das Experiment, will an meiner Feigheit scheitern.

29. April 2020 – Auch die Vergangenheit fällt der Verwahrlosung anheim, wie Orte und Menschen. Immer fängt es auf die gleiche Weise an: Mit den Altpapierstürmen. Die alten klebrigen Drucksachen hängen im Gegenwind an Armen und Beinen fest. Der Liebreiz verliert sich.

28. April 2020 – Die Ursache für den Kollaps des Bankwesens, der Lebensader eines Wirtschaftssystems, das auf einmal sogar wieder “Kapitalismus” heißen darf, wird allerdings möglichst auf die psychologische Ebene geschoben: Die unersättliche Geldgier der Manager und Wirtschaftsbosse.

27. April 2020

[…]

Aus der Geschichte lernen heißt das Nichts lernen

Politik ist DAS MACHBARE Ein Männertraum

Aus dem kein Kind schreit In allen Sprachen

Heißt die Zukunft Tod Die Hände des älteren Staatsmann

[…]

26. April 2020 – In dem vorliegenden Gedicht wiederholt sich die Gewalt. Niemand spricht darin von “Power”, obwohl das Wort zur Verfügung stünde. Sie ist und bleibt Gewalt. Sie ist weder fiktiv noch fiktional. Sie durchdringt jeden Euphemismus, wie den, der im Begriff der Border Security steckt. Genauso wie den, der sich im Begriff des Grenzschutzes verbirgt. Es wird nicht leichter werden. Sie kennen die verstörenden Bilder, vor deren Aufruf dünnhäutige User auf entsprechenden Nachrichtenplattformen gewarnt werden – oder Sie wissen zumindest, dass sie da sind, dass es sie gibt, weil Menschen umkommen, beim Versuch, die europäischen Außengrenzen zu überwinden, oder rechtlos in dem Folterland Libyen festgehalten werden. Das lässt sich alles umgehen, gedanklich, und geografisch sowieso. Aber was ist der Preis der Verdrängung?

25. April 2020

Heiliges Brutto

Heiliges Netto

Heiliges Konto

erbarmt euch unser

der Gymneten

(für nicht humanistisch Gebildete:

schutzlos Kämpfende)

im zweitausendjährigen Krieg

der Gründlinge

24. April 2020 – Vielleicht aber haben wir die ganze Umwälzung, die auf fremdwörtlich nun mal Revolution heißt, verschlafen? Weshalb wir sie wenigstens noch mal als Letzte Vorstellung mitmachen wollen?

Aber um unsern Schmerz, um unsere nicht mal gespielte Trauer werden wir schon wieder beneidet. Von denen nämlich, die das alles nicht mitmachen durften, weil sie in sicheren und längst oktroyierten bürgerlichen Freiheiten lebten.

23. April 2020 – Wir Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden nie wieder allein sein. Im Gegenteil, wir müssen wissen, dass wir dem gemeinsamen Elend nicht entrinnen können und dass unsere einzige Rechtfertigung, wenn es denn eine gibt, darin besteht, nach bestem Können für die zu sprechen, die es nicht vermögen. Wir müssen in der Tat für alle die Menschen sprechen, die in diesem Augenblick leiden, welches auch die vergangene und zukünftige Größe des Staates oder Partei sein mag, von denen die unterdrückt werden: für den Künstler gibt es keine privilegierten Denker. Darum kann heute, selbst heute, vor allem heute, die Schönheit nicht im Dienst einer Partei stehen; sie dient über kurz oder lang nur dem Schmerz oder der Freiheit der Menschen.

22. April 2020 – Meine politische Haltung: immer wieder dagegen. Ich bin gegen: (1) Gewalt – insbesondere kolonialistische Kriege und imperialistische “Interventionen”. Vor allem gegen Folter. (2) sexuelle und Rassendiskriminierung (3) die Zerstörung der Natur und der (geistigen, architektonischen) Landschaft der Vergangenenheit (4) alles, was die Bewegung von Menschen, Kunst, Ideen behindert oder zensiert.

21. April 2020 – Da aber das Kind in ihrem Leib sich regte, fürchtete auch sie sich vor sichtbaren und unsichtbaren Schildern, Nebukadnezarträumen, Belsazarschriften, die sie aus dem Paradies der automatischen Küchen und der Pillensicherheit vertreiben könnten, Weiße unerwünscht, Schwarze unerwünscht, es traf sie beides, und für Juden unerwünscht war, ohne daß er es wußte oder besonders wollte, der Vater ihres Sohnes in den Krieg gezogen. Unerwünscht war ihr das Kind, das dunkle, das gesprengelte, in seiner Höhle noch ahnungslos, dass es Wildfrucht sein sollte, verworfen vom Gärtner, mit Schuld und Vorwurf beladen, bevor es Schuld und Vorwurf sich zuziehen konnte […]

20. April 2020 – If we winter this one out we can summer anywhere.

19. April 2020 – “Es ist etwas im Gang, und die Leute machen Geschichten. Diese Leute, wo eine Fuß vor den anderen setzen, wie du sagst, die denken nicht dran, wo sie hingehn, wie du sagst – aber sie setzen ihre Füße alle in eine Richtung, alle in derselben Richtung. Und wenn du zuhörst, dann hörst du sich’s bewegen und krauchen und rascheln – eine einzige große Ratlosigkeit. Es ist was im Gang, und die Leute, die’s in Gang gebracht haben, wissen nichts davon – noch nicht. Aber aus diesen Leuten, wo alle nach Westen ziehen, da wächst nochmal was – aus diesen Leuten und aus den Farmen, die sie stehngelassen haben. Da wächst eine Sache, die das ganze Leben verändern wird.”

18. April 2020 – Aber die Sprache? Kann zu diesem Widerstand wirklich die Sprache noch etwas beitragen? Gibt es nicht diese “Müdigkeit am Wort”, von der schon Hermann Broch schrieb? Ist die Sprache seit Babylon überhaupt noch zu entwirren? Werden die Argumente und Wörter nicht immer mehr von den Bildern neutralisiert oder verschluckt? Haben nicht alle, deren Medium die Sprache ist, immer mehr das Gefühl, nicht mehr verstanden zu werden? Oder auch schlimmer: dass ihnen fast niemand mehr zuhört? Ist die Botschaft der Werbung, der Bilder, der anheimelnden Melodien des Vergessens nicht stärker als alles andere?

17. April 2020
[…]
Hier wird für alles geworben für jedes bezahlt wurde
Jeder Weg eine Ladenstraße
Jede Landschaft eine Kapitalanlage
Jedes Interesse rein geschäftlich
Jede Geburt ein Kaufvertrag
Jedes Wort hat seinen Preis und ist einer
Tischleindeckdich wenn du annimmst
Kein aber kein nein, vielmehr würde
Die freiheitliche Ordnung das Beiwort streichen
Um das Substantiv zu erhalten
[…]

16. April 2020 – ziegen. es gibt sie hier überall, wie einen geruch, der aus dem boden kommt. zwischen ihren hörnern verstecken sie je ein schwarzes loch. an dieser stelle sind sie nicht besonders tief und können ohne offizielle genehmigung betrieben werden; man sollte sich ja auch nicht an fakten halten, wenn es nur so wenige davon gibt. die lokale bevölkerung weiß, wie man mit lücken umgeht, kapital aus ihnen schlägt: die futterbäume in der näheren umgebung wurden bereits von der vorletzten generation abgeerntet, daher das ziegenmonopol. wie jede etablierte ideologie legitimiert es sich durch das allgemeine vergessen seiner entstehung. die gegenwärtige situation entspricht also unveränderlich dem naturzustand, der eine lücke ist, die man mit ziegen füllt.

15. April 2020 – Es gibt wenig, was unsichtbarer wäre als Denkmäler. Aber wenn man so durch die Straßen läuft wie ich zurzeit, fallen sie einem doch auf. Imperatorenpose, weißer Marmor, Hannoversche Straße: “Dem siegreichen Führer im Kampfe gegen Seuche und Tod” Robert Koch. Es rührt einen deutlich mehr, wenn man gerade unter einem der modernsten Linearbeschleuniger gelegen hat, als wenn nicht.

14. April 2020 – Im Jahre 2009 ersetzten Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch die Sozialhilfe durch das sogenannte RSA, Revenu de solidarité active – “Einkommen für aktive Solidarität”, eine neue Form der Unterstützung, mit der Arbeitslose verpflichtet werden, sich aktiv um einen neuen Arbeitsplatz zu bemühen. Seit deiner Arbeitsunfähigkeit hattest du Sozialhilfe erhalten. Die Umstellung auf das RSA sollte “die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt erleichtern”, das war die Formulierung der Regierung. In Wirklichkeit wurdest du von nun an von der Regierung bedrängt, wieder arbeiten zu gehen, trotz deiner zerstörten Gesundheit und ungeachtet dessen, was dir in der Fabrik angetan worden war. […] Nach einiger Zeit hast du eine Anstellung als Straßenfeger in einer anderen Stadt antreten müssen, für siebenhundert Euro im Monat musstest du dich den ganzen Tag bücken, um den Abfall der anderen aufzusammeln, musstest buckeln trotz deiner ruinierten Wirbelsäule. Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rückgrat gebrochen.

Du wusstest, dass Politik für dich eine Frage von Leben und Tod bedeutete.

13. April 2020 – Viel mehr Ahnung hatte ich von meinem schwierigen Leben und von Schriftstellern wie Balzac usw., usw.. Ist es nicht eher umgekehrt? Politische, auch literatur-politische Begriffe formen sich nach der Wirklichkeit, sonst wären sie ja nicht richtig. (Waren es auch manchmal nicht) Und meines Erachtens sind doch gute Bücher eine Darstellung richtig begriffener Wirklichkeit.

12. April 2020 – Und es falten sich die gigantischen Gewebe des Mehrwerts in den Straßen, imaginäre Gewebe, theoretische Gewebe, die sich den Sommern gleich übereinander legen. Der Mehrwert entwickelt sich labyrinthisch und breitet sich labyrinthisch aus, das Labyrinth stößt Labyrinthe ab […] Mehrwert und Mehrwerk, Knüpfwerk, knallende Knoten, Knoten, die Knoten ausspeien, sich überbrückende Fäden, überkreuzte Maschen, dröhnende Schleier: so breitet der Lärm seine Aussteuer hin, wenn er sich gattet mit der Zivilisation.

11. April 2020 – Denn Utopien von gerechten Gesellschaften sterben nicht an den gescheiterten Versuchen ihrer Verwirklichung, sie können nach einiger Zeit eher wieder an Kraft gewinnen, wenn die Unbilden des Neuen einsetzen und man das schlechte Beispiel des vergeblichen Realisierungsversuchs nicht mehr vor Augen hat.

10. April 2020 – Denn so sind die Menschen: Eine gemeinsame Furcht führt sie leichter zusammen als eine gemeinsame Liebe.

9. April 2020 – Damals, als ich diese Sachen schrieb, waren sie für mich eine Auseinandersetzung mit einem brandaktuellen Problem: Wie geht die zweite Generation nach einer Revolution – in dem Fall die Französische – mit den gescheiterten Idealen um, wie verhält sie sich zu einer Gesellschaft, die aus dieser Revolution hervorgegangen ist und in vieler Hinsicht im totalen Gegensatz zu ihren Zielen steht.

8. April 2020 – Denn um klar zu sehen, genügt ein Wechsel der Blickrichtung.

7. April 2020 – Denn eigentlich hätte die DDR die Brücke zwischen Ost und West bleiben sollen. Zwischen Rom und Byzanz. Dort habe ich wirkliche Freunde gefunden. […] Sie sind zerrissen. Wirklich tief zerrissen. […] Ich selbst bin zerrissen, deshalb mag ich die DDR und all ihre Namen: Gützkow, Gribow […] Das Slawische, der Kommunismus, ein bisschen schlechteres Essen und billigere Kosmetika, das sind doch die Elemente, die das Menschsein befördern.

6. April 2020 – Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken läßt.

5. April 2020
„Ich bin schon zu alt, um noch nach Amerika zu gehen. Auch zu alt für eine Revolution. Außerdem – wenn wir uns von den Weißen ausbilden lassen, lernen wir nur das, von dem sie wollen, dass wir es lernen. Wir kommen zurück und bauen unser Land so auf, wie es die Weißen wollen. Ein Land, das ihnen weiterhin dient. Dann werden wir nie frei sein.“

4. April 2020

“[…] Dieser Tom-Robinson-Fall ist eine Sache, die an die Wurzeln des menschlichen Gewissens rührt. Scout, ich könnte nie mehr in die Kirche gehen und zu Gott beten, wenn ich nicht versuchte, diesem Mann zu helfen.”

“Atticus, du musst dich irren.”

“Wieso?”

“Weil die meisten Menschen denken, dass du dich irrst…”

“Sie sind durchaus berechtigt, so zu denken, und sie können auch verlangen, dass wir ihre Meinung respektieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selber leben. Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.”

3. April 2020 – Alles war Ironie und fröhlicher Feiertagsfatalismus. Die Banlieue würde wieder explodieren, im Nahostkonflikt war keine Lösung in Sicht. Und die Welt fuhr vor die Wand, wegen der Klimaerwärmung, der schmelzenden Polkappen und des Bienensterbens. Jemand rief, und was ist eigentlich aus der Vogelgrippe geworden? Und aus Ariel Sharon, liegt der immer noch im Koma?, was eine Aufzählung anderer vergessener Dinge nach sich zog, das SARS-Virus, die Clearstream-Affaire, die Arbeitslosenbewegung – weniger, um auf die gesellschaftliche Amnesie hinzuweisen, als um die Herrschaft der Medien über unsere Gedanken zu geißeln. Die völlige Auslöschung der jüngsten Vergangenheit erstaunte.

2. April 2020 – seit der marxismus tot ist und jeder kapitalismus sich selbst erklärt glaubt auch keiner mehr an geschichte oder irgendeine entwicklung es geht bloss noch um selbstbefriedigungen * und da sind wir ehrlich: wir bieten sie an – und hören auf uns noch als freidenker auszugeben lasst uns also dem volk dienen – es versklavt sich im gleichen maße wie wir * statt der verlogenen idee eines genius hörig zu sein ist das nun unsere freiheit […]

1. April 2020 – Nach einem Schweigen richtete sich der Arzt etwas auf und fragte, ob Tarrou eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu kommen. „Ja, Mitgefühl.“

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