Offener Brief an Dr. Jörg Bernig und die Mitglieder des Stadtrates Radebeul

Dresden, den 8. Juni 2020

Sehr geehrter Herr Dr. Bernig, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrates Radebeul,

als Literaturnetzwerk WortWechsel wenden wir uns an Sie, weil wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, aktuelle Debatten kritisch zu begleiten, die das Verhältnis von Gesellschaft, Politik und Literatur betreffen. Die Mitglieder unseres Netzwerks sind mit vielen Radebeuler Künstlerinnen und Künstlern freundschaftlich und kollegial verbunden. Deshalb nehmen wir, sehr geehrter Herr Dr. Bernig, Anteil an der öffentlichen Diskussion um Ihre Wahl zum Kulturamtsleiter, die uns bewogen hat, Ihre Einlassungen der vergangenen Jahre zur Gegenwartsgesellschaft, zum politischen System und zur Kulturpolitik erneut zu lesen.

Aus dieser Lektüre ergeben sich für uns einige Fragen, die wir Ihnen stellen möchten und die wir auch dem Stadtrat Radebeul vorlegen.

In Ihrer Kamenzer Rede „‚Habe Mut …‘. Eine Einmischung“ vom 07.09.2016 diagnostizierten Sie folgende gesellschaftspolitische Lage:

„In Deutschland ist ein Ringen im Gang. Auf der einen Seite stehen die Ingenieure des Gesellschaftsumbaus, die Verdunkler und Verheimlicher, die Sprach- und Denkkontrolleure, die Unterminierer von Aufklärung und offener Gesellschaft. Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger der aufklärerischen Vernunft, des eigenständigen Denkens, der Geistesfreiheit, der offenen Gesellschaft, der Gleichwertigkeit der Religionen und der Geschlechter.“

Den „Systemverantwortlichen“ – „[unfähig], in kulturellen Dimensionen zu denken“ und entschlossen zum „totalen Umbau“, zur „totale[n] Umgestaltung“ der deutschen Gesellschaft durch „Massenmigration“ stellten Sie „das Volk“ gegenüber, „das manches eher wittert als analytisch herleitet“. Gegen die „ärmeren Schichten in Deutschland“, konkurrierend „mit den aus der muslimischen Welt zugewanderten Minderqualifizierten“, setzten Sie den zu „Koexistenz“, „Opportunismus“ oder „Unterwerfung“ bereiten oberen Mittelstand. Um die Unvereinbarkeit der „orientalisch-patriarchalischen Kultur“ mit unserem deutschen Gemeinwesen zu belegen, schrieben Sie zu den sexuellen Übergriffen durch Migranten im Jahr 2016:

„Denn diese Attacken sind Angriffe auf unser Gemeinwesen. Und sie sind Kennzeichen des Zusammenpralls der Kulturen. Wer in kulturellen Dimensionen denkt, hat sie vorausgesehen.“

„Hinter der Konfrontation von emotional-moralisch sprechenden Anhängern einer ‚Multikulturalität‘ mit den auf Ratio bauenden Skeptikern gegenüber dieser Haltung verbirgt sich die Frage der seit der Wiedervereinigung noch immer nicht geklärten Deutschland-vorstellungen.“

 Anschließend konstruierten Sie einen Gegensatz zwischen „Alt-Bundesrepublikaner[n]“ und „Ostdeutschen“.

Diese essayistische Einmischung zeichnet sich unseres Erachtens durch eine sprachliche Schwarz-Weiß-Zeichnung aus, durch eine alarmistische Polarisierung ohne Zwischentöne, ohne die Suche nach Lösungen. Die Rede ist die Behauptung einer Deutungshoheit aus dem „Amt des Dichters“ heraus und wurde von der kulturellen Öffentlichkeit als Schlüsseltext verstanden. Wir möchten Sie deshalb fragen, ob dieser Text nach wie vor Ihre gültige weltanschauliche Positionierung wiedergibt? Falls dem so wäre, müsste der Stadtrat sich fragen, ob er eine solche Positionierung mit Ihrer Wahl gleichsam legitimieren würde.

Sie warfen in Ihrer Rede der Regierung und Politikvertretern vor, „einen kulturellen Überlieferungszusammenhang, dem das Attribut ‚deutsch‘ vorgeschaltet ist“, abzulehnen und das „Volk durch eine Bevölkerung“ ersetzen zu wollen. Wir möchten nachfragen, was Sie unter „deutsch“ verstehen, wenn es im gleichen Satz als Gegensatz zu „weltoffen“ und „multikulturell“ aufgefasst wird? Wäre dieser von Ihnen postulierte „deutsche“ „kulturelle Überlieferungszusammenhang“ Grundlage Ihres kulturpolitischen Handelns? Wenn Sie davon sprechen, so viel wie möglich Kultur nach Radebeul zu bringen, welche Kultur ist damit gemeint?  In diesem Zusammenhang möchten wir uns noch einmal nach Ihrem Verständnis von „Volk“ erkundigen. Wer gehört dazu? Wen beziehen Sie in Ihre Vorstellungen von „unsere[r] offenen Gesellschaft und Kultur“ ein?

Sie haben sich darum beworben, künftig selbst einer der „Systemverantwortlichen“ sein zu dürfen. In dieser Position als Amtsträger im öffentlichen Dienst ist Sachlichkeit und Neutralität geboten. Wie stellen Sie sich vor, Ihre politische Positionierung mit diesen Anforderungen in Einklang zu bringen und wie wollen Sie das notwendige Vertrauen bei jenen erlangen, die ihre Zweifel daran bereits öffentlich kundgetan haben und mit denen Sie zukünftig zusammenarbeiten müssen?

In Ihrem Antwortschreiben an die Präsidentin des PEN-Zentrums, Frau Regula Venske, vom 28.05.2020 drücken Sie Ihre Hoffnung aus, der Zerrissenheit der Gesellschaft entgegenzusteuern. Wie lässt sich dieses Ansinnen mit Ihrer polarisierenden Gesellschaftsskizze aus der Kamenzer Rede vereinen?

Sie weisen in Ihrer Antwort an Frau Venske darauf hin, dass es „in einer Kleinstadt […] nicht in erster Linie um Parteipolitik und schon gar nicht um Bundespolitik [geht]. Linke wie rechte parteipolitische Ausgrenzungen, die auf Bundes- und Landesebene praktiziert wurden, haben auf kommunaler Ebene nie gleichermaßen funktioniert. Auf ihr müssen wir einander begegnen, müssen wir einander annehmen und als Bürger und Bürgerinnen zusammenleben, wenn wir das Gemeinwesen befördern wollen.“

Dass viele Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffende Ihrer Wahl zum Kulturamtsleiter skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, liegt sicherlich weniger in der Sorge vor parteipolitischen Querelen begründet als in Ihrer Haltung und den sich daraus zu befürchtenden Handlungen gegenüber Interessengruppen, Künstlerinnen / Künstlern und Kulturvermittlern, die jenseits von Parteistrukturen agieren und die Sie in Ihrer Kamenzer Rede als die „emotional-moralisch sprechenden Anhänger einer ‚Multikulturalität‘“, als „Verheimlicher“, „Sprach- und Denkkontrolleure“, als „Unterminierer“ ausgemacht haben.

Als Kulturamtsleiter hätten Sie nicht nur eine Schlüsselposition als Repräsentant der Kommune inne, sondern auch als Entscheider über die allgemeine Kunst- und Kulturförderung, als Planer wegweisender kultureller Konzepte, Strukturen und Veranstaltungen. Mit Ihrer Bewerbung haben Sie bereits Ideen und Vorstellungen für kulturelle Vorhaben eingereicht, die sicherlich Aufschluss geben können über die von Ihnen angestrebte Profilierung, möglicherweise die Umgestaltung der Radebeuler Kultur. Es besteht offenkundig ein öffentliches Interesse, hierüber Näheres zu erfahren. Aus Ihren Ideen wird sich erkennen lassen, welche Themenschwerpunkte Sie setzen möchten, welche Förderpraxis, welche Leitlinien, welche Beteiligungsverfahren im Sinne demokratischer Teilhabe und Transparenz vorgesehen sind.

Wäre es nicht im Sinne der von Ihnen angestrebten Begegnung, des Annehmens voneinander, der  Förderung des Gemeinwesens, wenn Sie den alarmierten Radebeulerinnen und Radebeulern und der darüber hinaus skeptischen Öffentlichkeit sachliche Aufklärung darüber gäben, wie Sie den differenzierten Anforderungen dieses öffentlichen Amts gerecht werden möchten?

Mit freundlichen Grüßen für das Literaturnetzwerk WortWechsel

Michael Bartsch, Beate Baum, Steffen Heidrich, Willi Hetze, Jayne-Ann Igel, Torsten König, Andrea O’Brien, Petra Schweizer-Strobel, Hans-Haiko Seifert, Juliane Sobing, Noëlle Waibel

Literaturnetzwerk WortWechsel
Antonstraße 1
01097 Dresden
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Eine Linksammlung mit Pressestimmen zur Wahl Jörg Bernigs finden Sie HIER.

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