4. Wortwechsel am 19. Juli 2021

“Identitätspolitik” und Literatur

Kulturelle Aneignung: Wer darf für wen sprechen, wer darf über wen schreiben und wer darf was übersetzen?

Einladung zum Salon der Reihe „Wortwechsel. Gespräche über Literatur und Politik“ am 19.7.2021 von 19:00 bis 21:00 Uhr im Internationalen Garten hinter dem Festspielhaus HELLERAU, bei schlechtem Wetter im Nancy-Spero-Saal.

Wir führen seit einigen Jahren vermehrt Debatten, die sich um die Frage nach Herkunft, Geschlecht, Identität und die Korrektheit der Sprache drehen, die in Politik und Gesellschaft verhandelt wird. Wie und was in der Öffentlichkeit gesprochen wird, ist stärker in den Fokus allgemeiner Wahrnehmung gerückt, und diese Entwicklungen wirken auch in die  kulturellen, künstlerischen und nicht zuletzt literarischen Räume hinein.

Ein zuletzt viel beachtetes Beispiel lieferte die  Auseinandersetzung um adäquate Übersetzer-Persönlichkeiten für Amanda Gormans Gedicht zur Amtseinführung des 46. Präsidenten der USA. Ursprünglich wurde die Übersetzung des Gedichtes ins Niederländische diskutiert. Kern des Konfliktes um die weiße Übersetzerin Marieke Rijneveld war jedoch dezidiert nicht, ob eine Weiße den Text einer Schwarzen übersetzen darf. Vielmehr war es der Hinweis auf eine verpasste Chance, bei dieser Gelegenheit People of Color einzubeziehen, die in den Niederlanden als Übersetzerinnen leben und  arbeiten.

Im Verlauf der in den sozialen Medien gezündeten Debatte und vor dem Hintergrund des Topos einer möglichen kulturellen Aneignung wurde allerdings zunehmend auch die Frage verhandelt, inwieweit Personen mit anderen politischen und kulturellen Herkünften, Hintergründen und Erfahrungen überhaupt in der Lage seien, ein Werk wie das der afroamerikanischen Poeta Laureata adäquat zu übersetzen. Diese Verhandlung erweiterte den Diskurs um die Forderung nach Sichtbarkeit und Repräsentation hin zur Frage autoritärer Verführungen einer vermeintlich zunehmenden “Cancel Culture”.

Aber wie lässt sich diese Debatte einordnen: Ist sie Ausdruck einer white fragility, wie es die Schwarze Autorin Tupoka Ogette formuliert, oder tatsächlich Beiwerk einer zunehmend autoritären Debattenkultur? Wie ist Literatur und im weitesten Sinne Kunst im Prozess ihres Schaffens davon betroffen? Welche Lebenshintergründe wie Geschlecht, Sexualität, Klassenzugehörigkeit, Religion, Nationalität, Hautfarbe, (Aus-)Bildungsabschluss  (jeder ahnt, diese Liste ließe sich beliebig verlängern) begleiten überhaupt Autoren bei der Auseinandersetzung um neue Sprach- und Sprechformen und wieweit spiegeln sie sich im Werk wider? Wie wird die Produktions, Verlags- und Veröffentlichungspraxis durch diese Diskurse beeinflusst?

Mit Fragen dieser Art wollen wir uns in unserem nächsten Salon am 19. Juli  beschäftigen; für Impulse haben wir die in Dresden lebenden Schriftstellerinnen Undine Materni und Douha Al Fayyad eingeladen.

Wenn Sie mitdiskutieren möchten, schreiben Sie uns!

Mit herzlichen Grüßen

In Vertretung des Literaturnetzwerks Wortwechsel

Douha Al Fayyad, Michael Bartsch, Willi Hetze, Jayne-Ann Igel, Torsten König, Petra Schweizer-Strobel, Hans-Haiko Seifert, Steffen Heidrich, Patrick Wilden

Schreibe einen Kommentar