„Identitätspolitik“ und Literatur – kleiner Salonbericht

von Jayne-Ann Igel

In ihrem Eingangsstatement stellte die in Dresden lebende Autorin Douha Al Fayyad heraus, dass sie ihre Identität lange Zeit über die Definition von außen „als die Tochter von, Frau von, Mutter von“ erfahren habe. In Deutschland war das alles obsolet und sie musste erkunden, was vor Ort ihre Identität ist. „In Deutschland bin ich eine Frau mit Kopftuch, eine Muslimin, Syrerin. Soll ich mich zur Kopie einer Deutschen machen oder bleiben, wer ich bin?“

Vielleicht, so ging ihre Überlegung weiter, vermag ihre Hinwendung zur deutschen Literatur eine Lösung dieser Frage zu sein, sie bezog sich dabei auf Hermann Hesses Situation nach seiner Rückkehr aus Indien. Zu unterscheiden wäre auch zwischen der Identität als Individuum und in Hinsicht auf die Zugehörigkeit zu Gruppen. „Wenn ich als Frau über Politik schreibe, nimmt man mich nicht ernst“, so eine weitere Beobachtung, und sie führte aus, dass viele Erwartungen an sie herangetragen würden, von der Gesellschaft des Herkunfts- wie der des Ankunftslandes, Erwartungen, die auch eine Belastung darstellten.

Die syrische Schriftstellerin Douha Al Fayyad im Gespräch

In der anschließenden Debatte wurde deutlich, dass die von Douha Al Fayyad aufgeworfenen Fragestellungen, die für ihr Leben zum Teil von existentieller Tragweite sind, im öffentlichen Diskurs zur Thematik kaum eine Rolle spielen. Dieser Befund spiegelt sich im Übrigen auch in dem vor der Veranstaltung angelegten Reader wider. Bislang wenig thematisiert findet sich auch der Umstand, dass jede Person eigentlich über mehrere Identitäten verfügt, abhängig von der Zugehörigkeit zu Gruppen und der Integration in verschiedene soziale Bezüge. Identitäten eignet ein prozesshafter, fluider Charakter, der nichts Abgeschlossenes darstellt. Reglementierungen verhärten eher einschlägige Identitätsbezüge einer- und Abgrenzung andererseits, obgleich wir doch Wesen mit „hybriden Herkünften“ sind. Letztendlich verfügen wir alle über so etwas wie eine über Eltern wie Gesellschaft „implantierte“ Identität, meinte ein Teilnehmer. Ein Schritt, um ein produktives Verhältnis zu ihr zu gewinnen und nicht unterm Gebot vermeintlicher Authentizität einem Konformitätsdruck zu erliegen, bestehe in der Negation, der Befreiung davon.

Wortwechsel zu Gast im Internationalen Garten hinter dem Festspielhaus HELLERAU

Weitere Fragen ergaben sich von selbst, wie etwa die, wer eigentlich die Richtigkeit von Sprechpositionen definiert und welchen Sinn es hat, als Person deutlich zu machen, aus welcher Position heraus Argumente, Haltungen oder Meinungen formuliert werden. Im Gefolge der Digitalisierung der Gesellschaft resp. Öffentlichkeit etwa in Gestalt der „social media“ verstärken sich als problematisch anzusehende Tendenzen in Bezug auf gesellschaftliche Diskurse, es werden in einer Art Hallraum rasch Meinungen generiert, ein gewisser Moralismus gewinnt an Raum, der oft an der Oberfläche verhandelter Themen bleibt. Mittels Skandalisierungen wird zudem Druck erzeugt. Was hingegen dabei häufig verloren geht, ist substantielle und produktive Kritik.

Ein gutes Beispiel hierfür bietet der Streit um die adäquate Übersetzer-Persönlichkeit für Amanda Gormans Inaugurationsgedicht zur Einführung des neuen US-amerikanischen Präsidenten ins Amt. Aus der anfänglichen und berechtigten Frage in der niederländischen Öffentlichkeit, ob man im Sinne von Teilhabegerechtigkeit anstelle der beauftragten (weißen) Übersetzerin nicht auch hätte schauen können, welche people of color, die als Übersetzerinnen oder Übersetzer im Lande leben, für diese Aufgabe infrage kämen, wurde mittels Empörungsmaschinerie rasch: wer darf diesen Text einer Angehörigen der people of color übersetzen? Wer ist aufgrund eigenen kulturellen Hintergrundes in der Lage dazu? Die Runde war sich einig, dass diese Frage sekundär ist, das Übersetzen eines literarischen Textes in jedem Fall Kenntnis des Kontextes, der Mentalität und Kultur verlangt, um auch Nuancen zu verstehen. Es braucht enormes Einfühlungsvermögen, und wer vor so einer Aufgabe steht, kann sich, wenn Verständnisprobleme auftauchen, auch beraten lassen.

Wir danken dem Festspielhaus HELLERAU für die Gastfreundschaft!